Ein Abend zwischen Herz, Humor und harter Realität
Insel Borkum [ENA] Schäfer zu sein – auf einer Insel, im Winter, fernab jeder romantischen Verklärung? Diese Frage beantwortet Christoph Müller in seinem eindrucksvollen Vortrag „Schäfergeschichten von Borkum“ auf eine Weise, die berührt, nachdenklich macht und zugleich immer wieder zum Lachen bringt.
Seit über 25 Jahren betreibt Müller auf Borkum eine Schäferei im Nebenerwerb – neben seiner Arbeit als Physiotherapeut. Was als neugieriger Einstieg ohne landwirtschaftlichen Hintergrund begann, entwickelte sich zu einer Lebensaufgabe, die von Verantwortung, Rückschlägen und tiefer Verbundenheit zu Tier und Landschaft geprägt ist. In seinem Vortrag nimmt er die Zuhörer mit auf eine sehr persönliche Reise: von den ersten, schmerzhaften Fehlern in der Schafhaltung über existenzielle Verluste durch Krankheiten wie die Blauzungenkrankheit bis hin zu den stillen Glücksmomenten auf der Weide, wenn ein Lamm gesund geboren wird und seinen ersten wackeligen Schritt macht.
Dabei spart Müller nichts aus – weder die körperliche Erschöpfung noch die seelische Belastung, wenn Tiere sterben und man ohnmächtig zusehen muss. Gleichzeitig erzählt er mit trockenem Inselhumor, Selbstironie und spürbarer Leidenschaft. Seine Schäfergeschichten sind voller kleiner Beobachtungen: über die Eigenheiten einzelner Schafe, ihre unterschiedlichen Charaktere, ihre erstaunlichen Fähigkeiten, aber auch über die tägliche, oft unsichtbare Arbeit hinter der Kulisse. Er macht deutlich, dass Schafhaltung keine Idylle ist, sondern ein ständiger Balanceakt zwischen Natur, Verantwortung und wirtschaftlicher Realität.
Besonders eindrücklich schildert Müller die Abhängigkeit von Familie und Gemeinschaft. Ohne die Unterstützung seiner Angehörigen wäre die Schäferei nicht möglich – Urlaub, freie Wochenenden oder Feierabende kennt dieser Beruf kaum. Auch das Schlachten der Tiere, ein Thema, das viele lieber ausblenden, wird offen und respektvoll angesprochen: nicht als Routine, sondern als notwendiger, emotional belastender Teil eines ehrlichen Umgangs mit Nutztieren. Der Vortrag ist dabei weit mehr als ein Fachbeitrag über Landwirtschaft. Er ist ein Plädoyer für Achtsamkeit, für Wertschätzung von Lebensmitteln, für das bewusste Hinsehen hinter schöne Bilder von grünen Wiesen und friedlich grasenden Schafen. Wer zuhört, versteht schnell:
Diese Tiere sind keine Kulisse – sie sind Lebewesen, für die jemand täglich Verantwortung übernimmt. „Schäfergeschichten von Borkum“ ist ein Abend, der bewegt. Ein Abend, der zeigt, wie eng Freude und Leid, Humor und Ernst, Tradition und Moderne in der Schäferei miteinander verwoben sind. Und ein Abend, nach dem man Schafe – und vielleicht auch das eigene Leben – mit anderen Augen betrachtet.




















































